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Ärztliche Schweigepflicht – nicht für TU-Studenten?

Ärztliche Schweigepflicht nicht für Studenten der TU-Dresden
Na was haben wir denn? Das interessiert nicht nur deinen Arzt, sondern in manchen Fällen auch die Uni.

Worum geht's? TU Dresden, Wirtschaftswissenschaften, Prüfungsausschuss, ärztliche Schweigepflicht, qualifiziertes Attest, Schlafkrankheit

Müssen Studenten der Uni Details zu ihrer Krankheit mitteilen, wenn sie eine Prüfung verpassen? Eine chronisch kranke TU-Studentin kämpft dagegen seit drei Jahren.

Claudia kämpft an mehreren Fronten – gegen ihre Idiopathische Hypersomnie und gegen die TU Dresden. Die Studentin der Wirtschaftswissenschaften, die eigentlich anders heißt, ihren richtigen Namen aber lieber nicht in der Zeitung lesen will, leidet seit der Pubertät an einer Form der Schlafkrankheit und ist deshalb übermäßig müde. Es kann vorkommen, dass sie bis zu 20 Stunden durchschläft. Bis jetzt konnte ihr noch kein Arzt wirklich helfen. Claudia wurde eine 30-prozentige Behinderung anerkannt. Erschwerte Bedingungen also für ein Studium, denn zum Lernen bleibt ihr weniger Zeit.

Prüfung verpasst – Studium vorbei?!

Doch Claudia stellt sich der Herausforderung, büffelt und absolviert erfolgreich Prüfungen. Bis sie 2015 die Anmeldung zu einer Prüfung versäumt. Sie erklärt das damit, dass sie schwere Magen-Darm-Probleme hatte und die Medikamente gegen ihre Schlafkrankheit vom Körper deshalb nicht richtig aufgenommen werden konnten und somit wirkungslos gewesen seien. Blöd nur: Die verpasste Prüfung war der letzte Wiederholungsversuch. Claudia erhält die Note 5. Was nun?

Sie legt Widerspruch ein und verweist auf ihre chronische Krankheit. Doch der wird abgelehnt, denn, sagt der Prüfungsausschuss, chronische Leiden könnten nicht berücksichtigt werden, mit denen müsse man ja auch später im Berufsleben zurechtkommen. Auch eine rückwirkende Beurlaubung ist nicht möglich. Nun sieht Claudia ihre einzige Chance, doch noch weiterstudieren zu können, in einer Klage. Die 700 Euro für die Kosten leiht sie sich von Freunden und holt sich Hilfe bei der Rechtsberatung des Studentenwerks.

FSR kritisiert Eingriff in die Privatsphäre

Der Prüfungsausschuss für die Wirtschaftswissenschaften verlangt ein „qualifiziertes Attest“, das heißt, der Arzt soll der Uni Details über Claudias Krankheit mitteilen. Über diese fragwürdige Praxis hat auch die CAZ 2015 schon einmal berichtet. Das Thema schlug Wellen. Susanne Strahringer, damals Prorektorin für Bildung und Internationales an der TU, empfahl den Prüfungsausschüssen in einem Schreiben, auf die Einforderung von Einzelheiten zur Krankheit zu verzichten, zumal auch an anderen Unis eine einfache Krankschreibung ausreiche. Und auch der Fachschaftsrat WiWi der TU Dresden kritisiert das Vorgehen als massiven Eingriff in die Privatsphäre. Er argumentiert zudem, dass die Mitglieder des Prüfungsausschusses wohl kaum besser als ein Arzt einschätzen können, ob ein Student prüfungsfähig ist oder nicht. Zwar gebe es vereinzelte Missbrauchsfälle, aber Studenten, die ernsthaft krank seien, hätten so Nachteile. Außerdem, sagt Claudia, gelte ja z.B. auch für Schüler und Arbeitnehmer die ärztliche Schweigepflicht, warum sollte das bei Studenten anders sein? Sie fühlt sich diskriminiert.

Rolle rückwärts bei der TUD

Das alles ist nun über drei Jahre her. Ende November 2018 sollte es endlich zur Verhandlung vor Gericht kommen. Doch dann, nur drei Tage vor dem angesetzten Termin, die Überraschung: Die Verhandlung ist abgesagt. Die Uni teilt Claudia in einem langen Schreiben des Gerichts plötzlich mit, dass sie sich zwar nach wie vor im Recht sieht und argumentiert: „Dauerleiden sind im Prüfungsrecht nicht berücksichtigungsfähig, da sie die persönliche und mit der Prüfung festzustellende Leistungsfähigkeit prägen.“ Doch während der Vorbereitungen auf die mündliche Verhandlung habe man nun festgestellt, dass die Bachelor-Prüfungsordnung zu dem Zeitpunkt, als Claudia ihre Prüfung verpasst hat, noch gar nicht „rechtswirksam genehmigt, ausgefertigt und bekannt gemacht“ war, „eine vorangegangene rechtswirksam bekanntgemachte Version der Prüfungsordnung gab es nicht“. Claudia darf deshalb weiterstudieren und hat zwei weitere Prüfungsversuche.

Studieren als chronisch Kranker – alles nur Marketing?

Obwohl sie seit drei Jahren beurlaubt ist, hat sie sich nun wieder in den Stoff eingearbeitet. Vielleicht kann sie zum Sommersemester wieder ins Studium einsteigen. Claudia geht es vor allem darum, dass die Uni aufhört, Einzelheiten zu einer Krankheit zu verlangen. Sie hat sich deshalb an mehrere Medien gewandt, unter anderem an die Sächsische Zeitung und die „taz“, die beide schon über ihren Fall berichtet haben. Zurzeit stehe sie auch in Kontakt mit einem Journalisten der „Zeit“.

Was Claudia besonders ärgert, ist das Verhalten der TU: „Die TU Dresden wirbt damit, dass man auch mit Behinderung studieren kann. Aber offenbar ist das alles nur Marketing. Man sollte von der TU darauf hingewiesen werden, dass man auf eigenes Risiko studiert.“ Auf der Homepage der Uni ist in umständlichem Deutsch zu lesen, dass sie sich zum „Inklusionsgedanken bekenne“ und eine „faire, diskriminierungsfreie und selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen bei allen Themen mitdenkt“. Doch über solche Aussagen kann zumindest Claudia nur noch den Kopf schütteln. „Die Uni schafft ein gewisses Klima. Meiner Meinung nach ermutigt es dazu, im Zweifelsfall Medikamente zu nehmen, um das Studium zu schaffen.“ Anderen Betroffenen rät sie: „Wehrt euch! Es kann zwar lange dauern, aber man hat nicht so viel zu verlieren.“

Text: Ute Nitzsche
Foto: Antonio Gravante/AdobeStock

Jetzt seid ihr dran: Habt ihr ein tolles Projekt, das ihr gerne in der CAZ vorstellen wollt? Oder gibt es Probleme an der Uni? Über welche Campusthemen sollen wir in der CAZ berichten? Schreibt an redaktion@caz-lesen.de

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