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Auf der Flüchtlingsroute durch Europa

Wir kennen die Bilder der Flüchtlinge, die zu Fuß von Griechenland über den Balkan nach Deutschland wollen. Ein junger Holländer macht sich auch auf die Socken – und läuft die Route rückwärts.

Irgendwann im März 2015 ist er einfach losgegangen. Immer weiter. Aus der niederländischen Kleinstadt Didam 15 Kilometer bis zur deutschen Grenze. Dann war der Rhein überschritten. Es war erst der Beginn von Jeremy Lomans langem Marsch durch Europa. Rund 4.500 Kilometer zu Fuß, im Zickzack von Nord nach Süd, von Holland nach Griechenland.

Während Millionen Menschen aus Syrien und Nordafrika auf der Flucht vor Krieg und Armut nach Nordeuropa reisten, lief Loman unbeirrt den umgekehrten Weg. Das Nötigste im roten Rucksack auf dem Rücken verstaut, um den Hals einen kleinen Kompass baumeln, ganz ohne Karte. So fand Loman seinen Weg quer durch Deutschland, dann Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Serbien, Bosnien Herzegowina, Kroatien, Montenegro, Kosovo, Mazedonien, Albanien und schließlich Griechenland. Aber warum?

Loman sitzt jetzt in einem Hostel in Bulgarien, zwischen Backpackern und Katzen in der Stadt Plowdiw. Ein Jahr ist vergangen, seit er seine kleine Heimatstadt verlassen hat. Nachdem er Griechenland nach sechs Monaten Fußmarsch erreicht hatte, kam er hierher. Unter den Gästen fällt der Holländer nicht weiter auf: 26 Jahre alt, groß und drahtig, sympathisches Lachen umrandet von einem dunklen Dreitagebart. Wie oft er seine Geschichte hier schon erzählt hat, kann er nicht mehr zählen. „You are crazy, man!“, ruft ein Amerikaner, der gerade aus dem Himalaja gekommen ist.
Aber Loman findet nicht, dass er verrückt ist. Für verrückt hält er eher die Menschen, die ihr Leben mit Bürojobs verbringen, ohne die Welt zu sehen. Was den laufenden Holländer antreibt, lässt der Titel seines Blog erahnen, auf dem er von seinen Abenteuern berichtet: „Help a million people“ . Einer Million Menschen möchte Loman in seinem Leben helfen. „Das klingt viel, aber auch Kleinigkeiten sind wichtig“, sagt er. Menschen zu helfen, dazu hatte er auf seinem Marsch durch Europa jedenfalls genug Gelegenheit.

Etwa in Belgrad, wo viele Flüchtlinge mangels Unterkunft im Park nächtigen mussten. „Ich hatte immerhin Zelt und Schlafsack, die hatten nichts.“ Also lief Loman Hostels und Hotels ab und sammelte Decken. Auch Wasser und Essen zu teilen, ist für ihn ganz normal. Nur an einem waren die Flüchtlinge noch interessierter: Informationen. Loman berichtet, wie er am Busbahnhof im griechischen Thessaloniki von dutzenden Menschen umringt wurde, die ihn über die Länder in Europa ausfragten. „Die meisten hatten nur von Deutschland gehört und wussten nicht, was es in Europa sonst noch gibt.“

Und so erzählte er ihnen, dass Holland eigentlich genauso ist wie Deutschland, es in Österreich und der Schweiz malerische Bergwelten gibt und dass die Staaten in Osteuropa und auf dem Balkan jung und ökonomisch aufstrebend sind. „Aber das war den meisten egal, sie wollten unbedingt nach Deutschland, weil es ihnen wirtschaftlich am sichersten erschien.“

Loman sagt, dass er durch seine Reise einen ganz anderen Eindruck von der Flüchtlingskrise als aus den Medien bekommen hat. Aus dem Fernsehen hatte er die Vorstellung einer Völkerwanderung gewonnen. Bilder von Men­schen­massen, die durch Landschaften wandern. Doch tatsächlich stauten sich die Menschen nur an Grenzübergängen und Bahnhöfen. Die Wege dazwischen legten die meisten in Busen und Zügen zurück. Und so marschierte Loman monatelang allein, ab und zu begleitet von anderen Backpackern.

„Dude, don’t you have a job?“, will der Amerikaner im Hostel wissen. Einen klassischen Bürojob hat er jedenfalls nicht. Loman macht ab und zu Online-Marketing für Kunden in Holland. Zudem können die Leser von Lomans Blog für seine Abenteuer spenden. Alles was er nicht zum Überleben benötigt, will er der Stiftung „Make a Wish“ spenden, die Herzenswünsche schwerstkranker Kinder erfüllt. Auch ist er immer auf der Suche nach Sponsoren, die ihn unterstützen – und das ziemlich erfolgreich. Seine gesamte Kleidung und Ausrüstung bekam er von Unternehmen gestellt.

Und viel Geld braucht Loman sowieso nicht. Für Kost und Logie kann er in Ruhepausen in Hostels arbeiten. Auf Reisen schläft er meist im Zelt, selbst dann, wenn es draußen kalt ist. „Ein Obdachloser in Deutschland hat mir einen Trick verraten, der mir schon oft gute Dienste geleistet hat: nachts die Füße in Frischhaltefolie einwickeln.“
Ob ihm das auch im Himalaja helfen wird? Denn bald will Loman wieder aufbrechen. Auf die nächste große Reise, natürlich wieder zu Fuß. Er will quer durch den Himalaja laufen, von Afghanistan nach Butan. Ob er je in seine holländische Heimatstadt zurückkehren wird? Wahrscheinlich nicht, höchstens für den Urlaub, sagt Loman und fügt hinzu: „Die Welt ist so groß.“

Mehr Infos zu Jeremy Loman findet ihr auf seinem Blog.

Text und Foto: Markus Huth

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