Schreib uns per WhatsApp: 0172 77 18 33 4

Bolognese im Kopf statt auf dem Teller

Zum 25. Geburtstag des Studentenwerks sprach Prof. Karl Lenz kritisch über den Bologna-Prozess – und es ging dabei nicht um die Mensa-Nudel-Theke. CAZ hat genau zugehört.

Feine klassische Musik – und zwar nicht vom Band – erfüllt den Raum, wenn sich alle sächsischen Studentenwerke treffen, um Geburtstag zu feiern. Jedes einzelne trägt ein gut gewähltes Logo, das auf den ersten Blick anspricht und Zusammenhalt sowie auch Individualität ausdrückt. Angeregte Gespräche überall. Hier kennt man sich und Neuankömmlinge in diesem illustren Kreis von Förderern, Partnern, Nutzern, Kunden und Schirmherren fallen auf im Dülfersaal, dem Prunkstück der TU Dresden in der Alten Mensa in der Mommsenstraße.

Nahrung für Bauch, Kopf und Seele

Das Dresdner Studentenwerk, das das Treffen veranstalten, ist seit seiner Neugründung nach der Wende nicht nur für die Pflege und Verpflegung der Studenten verantwortlich, sondern auch für den Erhalt vieler kultureller Institutionen am Ort, wie der TU Big Band und der Gallerie Stuwertinum.

Getrennt von der Uni und doch gemeinsam

Im persönlichen Gespräch betont Dr. Heike Müller, Pressesprecherin des Dresdener Studentenwerks, die Trennung der Aufgaben und Kompetenzen von Universität und Studentenwerk, aber auch gleichzeitig den engen lebendigen Austausch ihrer Vertreter, wie in Gestalt des Rektors Prof. Hans Müller-Steinhagen, der unter anderem auch einen Verwaltungsratsposten des Dresdener Studentenwerkes bekleidet.

Spannender Vortrag mit viel Kritik

Besonders interessant für uns Studierende: Den Festvortrag hielt Prof. Karl Lenz, Lehrstuhlinhaber für Mikrosoziologie an der TU Dresden, und bis vor kurzem Prorektor der Uni. Er liefert einen Rückblick auf 17 Jahre Hochschulreform von Bologna, sowie die nicht-intendierten Folgen diese Prozesses:

Heute kann beobachtet werden, dass nach einer 90-prozentigen Umstellung auf das Bachelor-Master-System 18.000 hochspezialisierte Studiengänge mehr entstanden sind. Jeder Studiengang hat seine eigene Berechtigung darin, dass er das Profil der örtlichen Hochschulen gegenüber den anderen schärft, die sich voneinander abgrenzen müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Nur hat das die Mobilität zwischen den Unis innerhalb vorheriger vergleichbarer Studiengänge fast unmöglich gemacht. Doch war nicht eine Verbesserung der Mobilität zwischen den Hochschulstandorten ein Versprechen der Reformer?

Psychische Erkrankungen durch Druck

Lenz kritisiert Bologna weiterhin scharf, da bewiesen ist, dass die Abbrecher-Rate nicht gefallen, sondern massiv gestiegen ist. Die Zahl der Studenten mit diagnostizierten psychischen Erkrankungen hat sich in einem Maße erhöht, dass sie nun den größten Anteil innerhalb der Gruppe der Behinderten und Chronisch Kranken einnehmen. In den Familien kehrt sich das „du sollst es mal besser haben, als wir“ in eine Angst um, nicht zum Bildungsabsteiger zu werden. Kaum jemand tritt mit dem Bachelor Abschluss früher ins Berufsleben ein, vor allem weil sich der Master als Regelabschluss gerade an Hochschulen durchgesetzt hat.

Sachsen ist Drittmittel-Krösus

All das und mehr lässt die Studenten rumoren, doch auch im Lehrbetrieb sinkt die Stimmung. Immer neue Hochschulgesetze haben nach Lenz eine Rechenschaftspflicht gegenüber dem Staate installiert, was dem Ideal der freien Lehre widersprechen würde! Gleichzeitig wächst der Anteil an Drittmittelstellen in der Finanzierung der Universität, also nicht-staatliches Geld, das unablässig in die Hochschulen einfließen muss. In keinem anderen Bundesland ist der Anteil so hoch wie in Sachsen. Das vorgeschriebene Gebot ist also die Freiheit des Marktes, sich erstklassige Forschung zu kaufen.

Unis müssen der Wirtschaft folgen

Und bitte günstig! Nie gab es so viele Studenten, allein in Sachsen hat sich ihre Zahl seit der Nachwendezeit mehr als verdoppelt, die Konkurrenz zwischen ihnen ist also auf ein wirtschaftlich „gesundes“ Maß gewachsen und hält die Einstellungsquote niedrig. „Die Wirtschaft befindet sich im Umbruch“, mit diesen Worten beginnt an diesem Tag die Podiumsdiskussion, und die Unis müssen folgen. Überregionalität und Internationalität der Unternehmen fordern einen internationalen Studententypus.
Womit das endet? Wer weiß das schon! Die Entscheidungen sind bereits gefallen.

Text: Martin Bader
Foto: DNF-Style, AdobeStock

Zurück

Um die Nutzung unserer Website zu erleichtern, verwenden wir „Cookies“ und die Analyse-Software „Matomo“ (ehemals Piwik). Unsere Website verwendet auch „Cookies von Drittanbietern“, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können. Mehr dazu ...