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Das ist alles nur geklaut! Ghostwriter an der Uni

Ghostwriter im Studium
Wer seine Studienarbeiten fremdschreiben lässt, riskiert den Rausschmiss

Worum geht's? Studium, Ghostwriter, Seminararbeit, Abschlussarbeit, Betrug

Wer im Studium betrügt, fliegt raus. Trotzdem gehen Studenten das Risiko ein. CAZ hat mit Anne gesprochen, die gegen Geld Hausarbeiten für andere schreibt.

Anne arbeitet als studentische Hilfskraft an einem Lehrstuhl. Doch ihre Vergangenheit sieht anders aus. Anne, die eigentlich anders heißt, war Ghostwriterin. „Es fing damit an, dass ich aus dem privaten Umfeld gefragt wurde, ob ich mich für ein Thema aus dem Bereich BWL interessiere und mir zutrauen würde, dazu etwas auf Papier zu bringen“, erzählt sie. Dieses Angebot nahm sie an, wenn auch vor allem aus finanziellen Gründen. Bei der Arbeit entdeckte sie ihr Talent zum kreativen Schreiben. „Mich in ein Thema der BWL einzuarbeiten, hat mit Abstand am meisten Zeit gekostet, das Schreiben an sich mache ich in einem Stück durch.“ In nur 30 Arbeitsstunden entstand so eine Seminararbeit, die weder zu ihrer Studienrichtung passte noch ihren Namen trug. 200 Euro erhielt sie damals für die fertige Arbeit. Eine Summe, über die sie heute nur noch lächeln kann. 20 Euro pro Seite bekam sie zuletzt für ihre Tätigkeit, und das sowohl für den Entwurf als auch für die fertige Arbeit. So entstanden in zweieinhalb Jahren neun Hausarbeiten.

Thematisch bewegte sich Anne dabei immer in bekannten Gewässern, eine Hausarbeit in Jura oder einer Naturwissenschaft zu schreiben, hat sie sich nie getraut. Ihre „Kundschaft“ waren meist Freunde oder Bekannte aus dem weiteren Umfeld. Im Laufe der Zeit kam es dabei schon zu der ein oder anderen kuriosen Begebenheit. „Bei einem Auftrag habe ich wohl ein bisschen am Thema vorbeigeschrieben. Bei der Vorstellung der Arbeit ist der Student dann selbst in die Verteidigung gegangen und hat erklärt, was er sich bei meinen Gedanken gedacht hat“, sagt Anne schmunzelnd. Ihrer goldenen Regel ist sie immer treu geblieben: „Schreib niemals an deiner eigenen Uni.“ So konnte sie das Risiko, dass Professoren den Schreibstil wiedererkennen oder Gerüchte an der Uni aufkommen, möglichst gering halten. Die Studenten, für die Anne schrieb, gaben die Arbeit anschließend als ihre eigene ab.

Das Risiko ist dabei nicht unerheblich: Wer erwischt wird, fliegt. Diese Regelung ist an allen Universitäten in Deutschland gleich. Wird einem Studenten nachgewiesen, dass er seine Arbeit nicht eigenständig verfasst hat, sei es durch einen Ghostwriter oder Plagiat, führt das zum Nicht-Bestehen der Prüfung und bei Wiederholung sogar zur Exmatrikulation. Anne hatte dabei nichts zu befürchten. Das Schreiben und Weitergeben eines Textes ist kein Vergehen. Erst die Veröffentlichung solcher Texte unter dem eigenem Namen ist eine Straftat. Moralische Bedenken hatte die Ghostwriterin keine: „Bei einem Studenten hatte ich regelrecht einen pädagogischen Auftrag, ihm zu helfen. Er fühlte sich durch einige Aufgabenteile seiner Abschlussarbeit total überfordert.“ Was sie ärgert, ist die Tatsache, dass Studenten aus einem reichen Elternhaus es schon im Studium einfacher haben, weil sie sich einen Ghostwriter leisten können. Daher fällt es ihr auch besonders schwer, die Begeisterung für akademische Titel um sie herum ernst zu nehmen. „Ich schäme mich nicht dafür, das Qualifikationssystem zu untergraben. Ich finde, die Verantwortlichen an der Uni sollten sich Gedanken machen, ob sie die Leute nicht vielleicht ganz anders ausbilden für das, was diese anstreben“, gesteht Anne.

Sie findet Ghostwriting auch nicht verwerflich, wenn Studenten stattdessen mit Dingen beschäftigt sind, die sie bei ihrer Karriere tatsächlich voranbringen. Doch auch Faulheit und Inkompetenz auf Seiten ihrer Kunden waren Anne nicht unbekannt. Ihr selbst gab das Schreiben als Ghostwriterin die Freiheit, im eigenen Tempo zu studieren und den eigenen Arbeitsort auch mal an den Strand zu verlegen. Ihr Talent zum wissenschaftlichen Schreiben erkannte irgendwann sogar ein Professor und bot ihr einen Job an. Heute arbeitet und schreibt sie ganz offiziell an der Uni. Bereut hat sie die Entscheidung zum Ghostwriting nie.

Text: Madeleine Brühl
Foto: Pixabay/CC-Lizenz

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