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Genderdebatte: Wie weit sollte unsere Sprache gehen?

Worum geht’s? Gendern, Sprache, Gleichberechtigung, Mann und Frau

Sollten wir grundsätzlich von Studentinnen und Studenten sprechen oder reicht die männliche Form? Die CAZ-Autoren Johanna Liedtke und Marcel Sauerbier haben sich Gedanken gemacht.

 

Liebe Wesen!

Es ist wirklich nicht einfach, eine adäquate Weise zu finden, tatsächlich alle anzusprechen. Darum bitten wir im Voraus um Verzeihung für diese sehr weitläufige Bezeichnung. Wir sind jedoch zuversichtlich, mit diesem Mengenbegriff alle eingeschlossen zu haben, denn das sind wir im Wesentlichen: Wesen. Wir sind gewesen, wir sind, wir werden sein.

Eine kleine Pro/Contra-Auflistung zu geschlechtergerechter Sprache.

Pro

Der SLUB-Ausleihautomat verkündet mir: „Selbst ist der Verbucher!“ Aber was ist mit der Verbucherin? Ist die nicht „selbst“? Geschlechtergerechtigkeit fängt weder mit Sprache an, noch hört sie damit auf. Sprache ist jedoch ein untrennbarer Teil von ihr.

Contra

Wenn ich „Leser/innen“ / „Leser(innen)“ / „Leser_innen“ / „LeserInnen“ / „Leser*innen“ usw. lese, sehe ich einen ganzen Raum voller Frauen. Und ein unübersichtliches Heer verschiedener Schreibformen. Es ist ziemlich schwierig zu verfolgen, was aktuell politisch korrekt ist.

Pro

Nicht politisch korrekt, sondern rücksichtsvoll! Andere sehen bei „Leser“ eben nur männliche Leser … äh, ich meine natürlich aktive und pausierende Lesende. Deutlich werden solche Assoziationen spätestens bei Managern oder Professoren. Dort wirken Sprache und Sozialisierung zusammen und lenken unsere Gedanken einseitig.

Contra

Ausgerechnet durch eine besondere Berücksichtigung entsteht aber erst ein Problem, wurde bisher doch die sprachhistorisch gewachsene Form in ihrer Einfachheit allgemein akzeptiert.

Wenn maskuline und feminine Formen aufeinanderstoßen – so lautet eine indogermanische Regel – stellt die maskuline Form einen Sammelbegriff. Wieso sollte man da jetzt bitte „Frauen“ zu „Frauinnen“ machen?

Anders ausgedrückt: Indem für sie ein eigenes Wort existiert, kommt die Frau sogar schon in den Genuss einer Sonderstellung, während jeder Mann (nicht jedermann, was sich ja auch auf Frauen beziehen würde und aus „jeder + Mann = Mensch“ besteht) sich mit einem Oberbegriff begnügen muss.

Pro

Das würde aber doch letztlich nur den Sprachwissenschaftler erheitern. Der Otto-Normalstudent nennt den Spaß generisches Maskulinum und erklärt damit Männer zur Normalform, die Frau dann eben als vernachlässigbaren Sonderfall. Wir haben: Superhelden, CAZ-Redakteure und DB-Vorstände.

Contra

War das jetzt ein Test? Die ersten Formen habe ich als neutral betrachtet, nur die Superhelden nicht. Schon interessant.

Wieso aber wollen manche (Der Wortstamm „man“ wäre übrigens unzulässig und daher auch MANche oder jeMANd.) mitunter sichtbar machen, was nicht da ist? Wenn nur Männer im Raum sind, dann heißen die eben Leser, und wenn nur Frauen da sind, Leserinnen. Für alles andere gibt es gerade doch das generische Maskulinum. Das hat sich eben historisch so ergeben.

Pro

Konsequenterweise müsste das so gemacht werden. Oder es wird einfach um den heißen Brei herumgeredet.

Bei Gruppen ist mitunter nicht zu unterscheiden, ob eine gemischte Gruppe vorliegt oder „nur“ Männer. Warum ist die Information über das Geschlecht überhaupt wichtig? Ist es für mich relevant zu wissen, wie sich eine Gruppe zusammensetzt?

Auch das generische Maskulinum ist nicht in Stein gemeißelt. Sprache wandelt sich. Und nicht alles, was Tradition hat, ist auch gut. Schließlich war es früher auch üblich, dass Frauen nicht wählen oder studieren dürfen.

Contra

Der Witz ist ja auch, dass die Genera ursprünglich gar nicht dem Sexus zu entsprechen erstrebten ... Oder wie es der Lateiner sagen würde: „Poeta non femina est!“

Ein falsches Verständnis von Sprache und deren Fachtermini ist überhaupt schuld an der ganzen Misere. Ich sage nur: Geht mal an die Wurzeln! Denn nur von dort kann und sollte eine wahre Erneuerung erfolgen. Denn wer baut denn schon einen Turm, ohne auf dessen Basis zu achten?

Pro

Der wissenschaftliche Ursprung der Sprache ist doch nur begrenzt tauglich, um deren gesellschaftlichen Effekt zu mindern. Heute wird schließlich auch nicht mehr „Neger“ oder „Krüppel“ gesagt, obwohl deren sprachwissenschaftliche Ursprünge ebenfalls hochinteressant sind.

Contra

Das ist nun wirklich keine gültige Analogie.

Und dann all diese ganzen Geschlechter, die es neben weiblich und männlich geben soll. Inwieweit sind sie sprachlich relevant? Wollen sie denn sichtbar gemacht werden? Erscheinen sie dadurch nicht ebenso künstlich wie die zugehörigen sprachlichen Konstrukte?

Pro

Eine geschlechtsneutrale Form wäre dann natürlich optimal. Einfach Englisch sprechen. Aber jetzt mal im Ernst. Die zwei häufigsten Geschlechter zu integrieren, wäre schon ein guter erster Schritt. Wer dann noch auf mehr achten möchte: Daumen hoch!

Contra

Es bleibt das Problem, dass diese Schreibungen sehr künstlich wirken, nicht wie menschliche Sprache. Sie beeinträchtigen darum die Lesbarkeit, und aussprechen lässt es sich schon gar nicht vernünftig. Außerdem werden bei Leser_innen immer noch die Leser außen diskriminiert.

Pro

Mit der Zeit gewöhnt man sich an alles. Aber es muss ja gar nicht immer „eine/einer“ und „seine/sein“ sein. Warum nicht einfach mal das generische Femininum ausprobieren, wie etwa die Uni Leipzig? Oder eben Englisch. Oder wir kreieren etwas völlig Neues. Das schlägt zum Beispiel Profx Lann Hornscheidt vor – dann reden wir irgendwann halt von Leserx und Managerx. Lann Hornscheidt selbst möchte keinem Geschlecht zugeordnet werden.

Contra

Das ist zwar kaum auszusprechen, aber zumindest eine Idee, die einige Probleme aus dem Weg schaffen würde. Jedoch wirkt das Produkt künstlich; es wird alles nivelliert. Gleichgemacht. Wir sind allerdings verschieden, nicht nur biologisch gesehen. Wenn nicht mehr in Geschlechter unterteilt werden soll, dann eben in andere Kategorien. Etwas Neues ist keine schlechte Idee, doch sollte es sich auf natürliche Weise herausbilden.

Pro

Sprachwandel dauert ziemlich lange. Was schadet es da, ein bisschen nachzuhelfen? Ziel ist keine Sprachpolizei, sondern eine Sprachkonvention. Es wird sich auf neue Normen geeinigt, von denen Abweichungen freilich möglich sind.

Contra

Sprachwandel geht gar nicht so langsam vor sich. Bemerkt wird er oft erst im fortgeschrittenen Stadium. Es ist eher nötig, der Gesellschaft die Zeit zu lassen, die sie benötigt, um den Wandel zu vollziehen und zu akzeptieren. Das sollte nicht von oben herab geschehen.

Es finden sich allerdings auf beiden Seiten Leute, die den anderen nicht die Freiheit lassen, sich auszudrücken. Wie wurde das eigentlich früher gehandhabt, wenn sich Gesellschaftsumbrüche sprachlich abzuzeichnen begannen?

Der/die/das Ende:

Offensichtlich geht es um mehr als Sprache. Sprache formt das Denken und somit unsere Taten. Sprache macht Leute. Wir müssen uns fragen, was für eine Gesellschaft wir sein wollen. Wichtig ist, sachlich zu bleiben und den Diskurs offen, fair und gemeinschaftlich fortzuführen.

Text: Johanna Liedtke/Marcel Sauerbier
Foto: Adobe Stock/Jürgen Flächle

 

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