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Student des Jahres - Zwischen Uni, Ruanda und Ebola

Der angehende Mediziner Christoph Lüdemann sitzt nicht nur im Hörsaal, sondern ist für den Verein L’appel Deutschland auch regelmäßig in Afrika unterwegs, um zu helfen. CAZ hat mit ihm gesprochen.

 

Christoph Lüdemann weiß, was er will. Der Medizinstudent im 9. Semester, der gerade auch seinen Master in Wirtschaftswissenschaften an der Privatuniversität Witten-Herdecke macht, darf sich künftig „Student des Jahres“ nennen. Einen hohen Anteil für die Juryentscheidung hatte dabei wohl sein Engagement als Vorstand des Vereins L’appel Deutschland e.V. Wir sprachen mit ihm über das Risiko im Ebola-Gebiet und wie er Uni und Verein unter einen Hut bringt.

Christoph, du bist gerade vom Deutschen Hochschulverband und dem Deutschen Studentenwerk zum „Studenten des Jahres“ gekürt worden. Wie fühlt man sich da?

Das ist natürlich eine große Ehre, insbesondere wenn man bedenkt, dass der Preis zum ersten Mal vergeben wurde. Ich sehe den Preis aber nicht als eine persönliche Auszeichnung, sondern als eine Würdigung des Ehrenamtes und des Engagements der Arbeit des ganzen Teams von L’appel Deutschland e.V., das ja zum großen Teil aus Studenten besteht. Es fühlt sich schon gut an, für die Arbeit, die wir geleistet, und den Aufwand, den wir betrieben haben, diesen Preis zu erhalten.

Als Student hat man ja viele Ideen, nicht alle werden mit Afrika zu tun haben und schon gar nicht mit aktiver Entwicklungshilfe. Wie kamst du dazu?

Es gab jetzt nicht den Tag der Entscheidung, aber ich diskutierte oft mit einem Schulfreund und uns war klar, dass wir für Veränderungen konkret etwas tun müssen. Mehr wurde es erst, als wir einen Studenten aus Ruanda trafen, der in Bochum studierte und der uns von seiner Heimat erzählte. Wir beschlossen daraufhin spontan, mit ihm nach Ruanda zu fahren und blieben für drei Monate dort. Gar nicht mit der Perspektive etwas gründen zu wollen, aber die Erlebnisse, die wir dort vor Ort hatten, führten dann zu ersten Projekten und 2013 schließlich zur Gründung von L’appel Deutschland.

Das Medizinstudium ist ja nicht dafür bekannt, geringe Anforderungen an die Studierenden zu stellen. Wie bekommst du denn den Vorstandsjob im Verein und dein Studium unter einen Hut? Für Party bleibt da wenig Zeit, oder?

Ach doch. Sicher muss man Prioritäten setzen. Die Privatuniversität in Witten macht es einem aber auch einfacher, beides gleichzeitig zu tun, weil das Umfeld dafür gut ist, etwa wenn man sich die Studiengänge so gestalten kann, wie man sie braucht. Ohne Fleiß und Selbstorganisation geht es aber nicht.

Im vergangenen Jahr wart ihr auch in Sierra Leone aktiv. Als Medizinstudent weißt du, wie gefährlich Ebola ist. Nicht einfach, mit so viel Verantwortung für die eigenen Leute umzugehen, oder?

Das stimmt, das ist immer etwas, was man sich bewusst machen muss. Es geht nicht nur um Zeit und Geld, die man investiert, man geht dort auch ein Risiko für andere ein. Aber wenn man Entwicklungshilfe in armen Ländern machen will, ist das der Preis, den man zahlt. Aber das heißt nicht, dass wir unsere Leute blind darunter schicken. Wir haben uns vor unserem Einsatz zum Beispiel intensiv mit dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin beraten.

Im letzten Jahr habt ihr Campino und Bob Geldorf von Band Aid überzeugt, euch 75.000 Euro zu geben. Wie geht denn sowas?

Das war ein Zufall. Nicolas Aschoff ist erst seit kurzer Zeit im Team und war beim Ebola-Ausbruch in Sierra Leone. Er kam mit dem Verdacht auf eine Ebola-Infektion nach Deutschland zurück, was sich dann als Malaria herausstellte. Er galt damit aber als erster deutscher Ebola-Fall, und durch diese Aufmerksamkeit wurde er von Marcus Lanz zum ZDF-Jahresrückblick eingeladen. Dort lernte er dann Campino von den Toten Hosen und Bob Geldorf persönlich kennen und so kam es dann zur Unterstützung durch „Band Aid 30“. Nic kam also auf uns zu und leitet mittlerweile den Bereich Sierra Leone bei uns.

Ist L’appel Deutschland für dich eine Karriereperspektive?

Eigentlich schon, den unser Ziel ist es schon, auch Vollzeitstellen zu schaffen. Wir haben auch Mitglieder, die sich das gut vorstellen können. Wir schrecken alle noch etwas davor zurück, Geld für etwas bezahlen zu wollen, was wir momentan ehrenamtlich tun. Das liegt aber eventuell auch daran, dass wir noch nie Geld verdient haben, bis auf einen Praktika-Job für 200 Euro. Das müssen wir vielleicht erst ablegen und dann kann L’appel auch eine Perspektive für mich sein. Dafür müsste ich aber das Arztsein auch etwas nach hinten schieben und da bin ich mir noch nicht sicher.

Euer kleiner Verein hat auch ein eigenes Stipendienprogramm in Afrika. Das kostet doch einen Haufen Geld. Wie macht ihr das?

Nein, der Dreh- und Angelpunkt des Programms ist, dass es sich später selber tragen soll. Die Idee dazu kommt von der Uni Witten, die einen umgekehrten Generationenvertrag hat. Das heißt, Studenten, die sich die Studiengebühren nicht leisten können, zahlen, wenn sie im Beruf stehen, zehn Prozent ihres Gehalts über zehn Jahre an die Studierendegesellschaft zurück und werden dafür während des Studiums unterstützt.

Diese Idee haben wir für die berufliche und universitäre Ausbildung in Ruanda umgesetzt. Es soll so funktionieren, dass ein Förderer aus Deutschland einen Stipendiaten aus Ruanda fördert und dieser Stipendiat verpflichtet sich dann, den Betrag, den er erhalten hat, bei Berufseintritt einkommensabhängig wieder zurückzuzahlen. Allerdings nicht an den Förderer, sondern an den nächsten Stipendiaten. So kann man als Spender nicht nur einen Stipendiaten, sondern theoretisch eine ganze Generation unterstützen, weil das Geld im System bleibt. Unser Ziel ist es, 200 bis 300 Studenten oder Auszubildende im Jahr zu finanzieren.

Kann das denn funktionieren?

Wir haben in Sierra Leone gerade die Erfahrung gemacht, dass es ganz gut ist, diesen Generationenvertrag mit Institutionen wie zum Beispiel einem Krankenhaus zu verbinden. Dort behält das Krankenhaus einfach ein wenig Verdienst zurück und zahlt es an den nächsten Stipendiaten aus.

Das heißt, das Programm kann exponentiell wachsen. Ihr braucht nur eine einmalige Anschubfinanzierung durch Spenden?

Theoretisch ja, aber man muss schon herausrechnen, dass auch Studenten abbrechen oder sich entschließen, nichts zurückzuzahlen und einfach verschwinden. Das ist der menschliche Faktor. Wir machen damit keinen Profit. Wir wollen, dass das Geld möglichst lange in diesem Kreislauf der Ausbildung bleibt.

Wenn du einen Wunsch hättest, was sollte demnächst bei L’appel passieren?

Ganz klar, die Verstärkung des Teams. Wir sind zwar viele Leute, die aber keine Vollzeit arbeiten können. Also suchen wir Menschen, die sich einbringen, die wissen, wie Kommunikation oder Buchhaltung funktionieren, eventuell auch einen Beruf haben und sich bei uns engagieren möchten.

Foto: L’appel Deutschland

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