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Uni besetzt! Studentenproteste in Frankreich

Studentenproteste in Frankreich
Seit Anfang März haben Studenten das Uni-Gebäude in Bordeaux besetzt.

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In Frankreich besetzen Studenten seit März Unigebäude, um gegen die Bildungsreform von Präsident Emmanuel Macron zu protestieren. CAZ-Reporterin Nerea Eschle, die zurzeit in Bordeaux studiert, berichtet.

In Frankreich gibt es kein NC-System wie in Dresden und an den meisten deutschen Unis und Hochschulen. Nun soll sich das aber ändern, denn das ORS, das Gesetz für „Orientierung und Erfolg“, soll die Zulassung per Zufallsverfahren ablösen. Für das neue Verfahren müssen die Abiturienten Bewerbungen schreiben, mit Motivationsschreiben, Noten und Lebenslauf, und werden dann nach ihrer Ausrichtung und Leistung einer Uni zugewiesen.

Der größte Knackpunkt neben dem Fakt, dass Abiturienten meistens noch keine klare Vorstellung von dem haben, was sie später machen wollen, ist dabei die soziale Ungleichheit. Telma und Bernabé, beide Besetzerinnen des Unigebäudes in Bordeaux, kritisieren, dass es sich um eine Selektion handele, die Elitenbildung fördere. Denn nicht alle Eltern können ihre Kinder auf gute und prestigeträchtige Schulen schicken, folglich ist denen der Zugang zu exklusiven Unis fast unmöglich.

Das historische Gebäude mitten in Bordeaux ist am 6. März in einer Nacht- und Nebelaktion von Studierenden erobert worden, unter ihnen war auch Telma. Auslöser für die Besetzung war ein Polizeieinsatz am Vortag. Dort wurden Studierende nach einer Generalversammlung über die Bildungsreform gewaltsam aus einem Hörsaal gebracht. Die etwa 40 Studenten wollten als Reaktion auf die ausbleibende Stellungnahme der Universitätsleitung zu diesem neuen Auswahlverfahren den Hörsaal besetzen. „Wir haben ziemlich auf die Fresse bekommen, es gab sogar Leute, die im Krankenhaus gelandet sind“, beschreibt Telma den Polizeieinsatz. Die Ordnungskräfte mit ihren verstärkten Handschuhen hätten die Demonstranten angeblich sogar ins Gesicht geschlagen.

Seit fast eineinhalb Monaten „wohnen“ Telma und Bernabé in der Uni und haben dafür ihr Studium unterbrochen. „Am Anfang hatten wir eine sehr rege Beteiligung mit täglichen Generalversammlungen, in denen wir auch beschlossen haben, uns mit Gewerkschaften und Bewegungen aus anderen Gebieten zusammenschließen“, erklärt Soziologiestudentin Telma und meint damit zum Beispiel auch die seit Monaten streikenden französischen Bahnangestellten, denn für sie ist klar: „Es sind eben nicht nur die Studenten, die unter die Räder kommen.“ Mit einem Zusammenschluss hoffen sie auch auf eine größere Wirkung, denn laut den Demonstranten sind alle Bereiche von der „hyper-liberalen Logik“ Macrons betroffen.

Auch viele Professoren sind nicht unbedingt damit einverstande – so auch mein Film-Prof, der meine Kommilitonen neulich in einem Tutorium aufforderte, „selbst aktiv zu werden“ und vor der „Ökonomisierung der Bildung durch Macron als radikalem Zentralist“ warnte. Der Zuspruch der Studentenschaft zu den Protesten hat in den letzten Wochen trotzdem deutlich abgenommen. Inzwischen gibt es noch dreimal in der Woche Versammlungen, aber die werden häufig nur noch von den Besetzern besucht. In diesen „assemblée générale“ diskutieren die Studierenden untereinander, denn es gibt auch solche, die klar gegen diese Belagerung sind, die gern einfach in die Vorlesungen gehen würden und keine Lust darauf haben, dass deswegen vielleicht ihr Semester draufgeht.

So sieht das auch Marion von der Universität Montaigne: „Ich finde das Engagement gut, aber ich finde die Art einfach übertrieben. Eine Freundin aus Paris hat mir erzählt, dass in dem besetzten Unigebäude randaliert wird. Das ist ein absolutes No-Go.“ Die 21-jährige Philosophiestudentin ärgert sich außerdem, dass es „gerade jetzt in der Prüfungszeit fast unmöglich ist, einen Platz in einer Bibo zu finden“, denn zu dem besetzten Gebäude gehören auch zwei Bibliotheken.

Telma begründet die Entscheidung der Besetzer: „Wir müssen eben zu krasseren Mitteln als zu Demos greifen, um wirklich gehört zu werden.“ Die betroffenen Studierenden haben aktuell ihre Vorlesungen in anderen Gebäuden, auch ihre Klausuren sollen wie geplant ablaufen. Wie die Bewegung weitergeht, ist nicht klar, die Klausurenphase, die beginnenden Semesterferien und die schon über einen Monat andauernde Besetzung hat die Anzahl der aktiven Unterstützer mittlerweile deutlich reduziert. „Wir wissen sehr wohl, dass wir früher oder später die Uni verlieren werden, die Polizei wird irgendwann wiederkommen, aber für uns hört es damit nicht auf“, sind sich Telma und Bernabé einig, denn die meisten hier sind schon seit Jahren politisch aktiv.

Über die Studentenproteste in Frankreich könnt ihr euch zum Beispiel auch bei der FAZ, beim Spiegel und beim Deutschlandfunk informieren.

Text und Foto: Nerea Eschle

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