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Von Saragossa nach Dresden – der Musik wegen

Musikstudent Alberto Arroyo spielte „von Anfang an, was er wollte“. CAZ-Redakteurin Marion Fiedler hat sich mit ihm über seine Stücke, abweisende Dresdner und die deutsche Kultur unterhalten.

 

 

 

 

 

Alberto Arroyo ist Spanier und studiert im 3. Mastersemester an der Hochschule für Musik (HfM) Komposition. Am 13. November 2015 trat er gerade ein Wochenende im von den Terroranschlägen erschütterten Paris an – diese Erfahrung, aber auch die Zeit, die er als Spanier in Dresden verbringt, prägen ihn auf unterschiedlichste Weise. Und all das spiegelt sich in seinen Stücken wider. Am 14. Januar kann man seine Musik in der HfM hören und im März sogar in der Semperoper.

Wer sich mit Alberto Arroyo unterhält, spürt schnell, dass er viel beobachtet, sehr beteiligt und rege sein Umfeld wahrnimmt und sich über diese Erfahrungen auch zu verständigen weiß. Er hat einen Fokus auf Menschen und das Menschliche und äußert diesen auch, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Als Komponist wie als Mensch. Als ich ihn für das Interview anrufen wollte, teilte mir ein gemeinsamer Freund mit: „Nein, nicht erreichbar.“ Alberto sei gerade in Frankreich. Und das war an jenem Freitag, bevor es in Paris zu den schlimmen Angriffen gekommen ist. In den E-Mails, die ich in den Folgetagen erhalten sollte, als er auf dem Flughafen in Paris feststeckte, sprach er über die Vorkommnisse in der Stadt sehr wenig. Ein Satz aber hat ihn geprägt, den er selbst erfahren hat und über den er, wie er mir später im Interview mitteilte, lange sinniert hat: „Wo es keine Kultur gibt, gibt es Angst und Hass.“

Aus dieser Erkenntnis heraus wird jetzt eine Komposition entstehen. „Unsere Antwort, unsere Reaktion zu dieser Situation muss wie folgt sein: Wir müssen uns in unserer Kultur und Kunst stärken“, erklärt der 26-jährige Spanier. „Wir Künstler müssen noch stärkere Stücke schreiben, mit mehr Überzeugung als je zuvor. Unsere Generation kann sich glücklich schätzen, dass wir eine künstlerische Freiheit und Meinungsfreiheit ausleben können. Ich kenne die Werke und Biographien von Komponisten, die Europa verlassen mussten oder die in Konzentrationslagern komponiert haben, sehr genau. Messiaen, Schönberg, Weber, Stravinsky, Ullman. Diese Menschen haben mich stark beeindruckt. Ich hoffe, dass auch ich mit meinen Stücken Menschen berühren und den Lauf der Welt ein klein wenig beeinflussen darf.“

Die Art und Weise, wie Alberto mit mir über seine Gedanken und seinen Werdegang als Musiker gesprochen hat, ist sprudlig wie ein Gebirgsbach, irgendwie erfrischend. Er sprüht vor Ideen und teilt gern seine Erfahrungen. Und diese formuliert er sehr persönlich, da Alberto seine Geschichte entlang der Menschen erzählt, die ihn geprägt haben. Zur Musik gekommen ist er durch seinen besten Freund Samuel Solís, der ihn damals mit der Idee infiziert hatte, ein Instrument zu lernen. „Wir waren elf oder zwölf, damals spielte er Violine und Piano. Ich hatte ihm wieder und wieder zugehört, was mich letzten Endes zu dem Entschluss gebracht hat, auch Klavierunterricht zu nehmen“, erinnert sich Alberto Arroyo. „Dies ist mir so wichtig, dass ich ihm heute mein Orchesterstück ‚Se una notte ...‘ gewidmet habe.“ Als Alberto vom Üben erzählt, muss er selbst kräftig schmunzeln, denn von Anfang an spielte er, was er wollte und nicht, was auf seinen Notenblättern stand. „Ich habe meine Stücke immer weitergesponnen, viel improvisiert und verändert. Als mir dazu noch klar wurde, dass ich die mir aufgetragenen Kompositionen immer eher intensiv analysiere, wusste ich, dass ich selbst Komponist werden wollte. Mich hat oft die Klangarchitektur und die Wirkung der Musik im Zusammenspiel mit der Dramaturgie mehr interessiert, als dass ich sie nur hören oder spielen will.“

Die ersten Stücke, die ihn von seiner neuen Leidenschaft überzeugten, waren Inventionen nach Bach oder Sonaten im Stil von Haydn. Ein Stück führte zum nächsten, bis er sich bald erfolgreich für ein Kompositionsstudium (Bachelor) an der Hochschule für Musik in Saragossa (Spanien) bewarb. Doch das Studieren allein reichte ihm nicht, um sicher zu sein, dass er auf der richtigen Fährte war. Erst als er 2009 sein „Lamentation of Jeremiah“ für Chor, Streicher und Basso Continuo veröffentlichte, kam die innere Bestätigung, dass er den richtigen Beruf gewählt hatte. „Das war meine erste Erfahrung fern von Campus und Studienpflichtprogramm und sie gab mir den notwendigen Push, den ich brauchte. In jenem Moment wusste ich, dass ich den richtigen Studiengang gewählt habe.“

Sein Lehrer, José M. Sánchez-Verdú, hat diese Begeisterung in den darauf folgenden experimentellen Stücken gespürt. „Er war damals Dozent für Komposition in Dresden und Saragossa und hat mir angeraten, dass ich als Erasmus-Student in Dresden studieren sollte“, erinnert sich der junge Komponist. „Außerdem haben mir der Bezug zum Musiktheater und die Stabilität in der Ausbildungsstruktur zugesagt, und so habe ich jetzt mehrere Jahre in Dresden studiert.“

Dresden inspiriere ihn, strahlt er. Sein Studium und den Fortschritt, den er mit jedem Stück macht, verdankt Alberto neben den Lehrern besonders seinem Umfeld. „Das, was ich erlebe, spiegelt sich in den Kompositionen wider, meine Reisen, meine Gedanken und die Zeit, die ich mit Freunden verbringe.“ Dazu gehören neben seiner Familie und seinem besten Freund Asís Márquez auch Komponisten aus aller Welt – Alla Cohen aus Boston (USA), die Pianistin Almudena Alemany, sein Kontrapunktlehrer Rafael Eguilaz und einige Komponisten aus Madrid. Auch mit seinen Kommilitonen und Lehrern an der Musikhochschule in Dresden hat er ein freundschaftliches Verhältnis: „Ich verdanke meinen Freunden und Lehrern hier in Dresden sehr viel, ich habe nicht nur musikalisch viel gelernt, sondern vor allem eine zweite Heimat gefunden und einen Anschluss, den ich damals, als ich Spanien verlassen hatte, niemals erwartet hätte.“

Die Frage, ob ihn die Ausbildung in Dresden fachlich und künstlerisch voranbringt, bejaht Alberto Arroyo begeistert: „Auch in Saragossa konnten wir Komponisten die geschriebenen Stücke gleich ausprobieren. Diese Möglichkeit ist uns Kompositionsstudenten in Dresden hier vergleichsweise stabiler geboten. Wir können jederzeit mit sehr gut ausgebildeten Spielern zusammenarbeiten“, und er ergänzt: „Nicht nur die Ausbildung ist in Dresden sehr umfassend und zielgerichtet, auch haben wir die Möglichkeit, an fortbildenden Workshops teilzunehmen, um zum Beispiel unseren künstlerischen Ausdruck zu schulen, schon allein deswegen bin ich sehr glücklich, hier in Dresden gelandet zu sein.“ Aber auch fern vom Campus genießt Alberto Arroyo Dresden in vollen Zügen. „Ich liebe die deutsche Kultur, alles scheint gut organisiert und sortiert zu sein, die Deutschen sind tiefgründig und tun sich nicht mit Floskeln ab. Sie diskutieren auch mal. Das ist für mich sehr spannend und herausfordernd.“

In gewisser Hinsicht kritisiert er Deutschland aber auch. „Mir sind schon sehr steif wirkende ältere Leute untergekommen, die sehr kalt und abweisend zu mir waren“, erklärt der Spanier. „Das hat mich sehr erschreckt. Ich wurde leider auch schon bestohlen, beziehungsweise gab es hier und da mal Sprach- oder Kommunikationsprobleme, aber ich denke, so langsam komme ich echt gut klar in Deutschland.“ Die teils unerwarteten Unterschiede zu verarbeiten sei für ihn nicht einfach, aber er weiß, dass diese Dinge Teil der Erfahrung und des Lernprozesses sind. Schlussendlich haben sie ihm beim Komponieren auch schon zu manchem neuen Klang verholfen. „Wenn ich mein Umfeld spüre, fließen die Noten, wenn ich komponiere. Besonders wenn es ein Spannungsfeld gibt. Ich fühle mich aber hier an der Hochschule sehr wohl und besonders in meiner Komponistenklasse und im Team der internationalen Studenten wie von einer großen Familie angenommen.“

Am 14. Januar um 19.30 Uhr findet an der Hochschule für Musik ein Konzert mit der Premiere von „Arissa“ für Klarinette, Klavier und Cello von Alberto Arroyo statt, zu hören wird das Trio Sostenuto sein. Dieses Konzert wird am 17. Januar (17 Uhr, Musikschule Chemnitz) und am 18. Januar (19.30 Uhr, Stadtbibliothek Leipzig) wiederholt.

Am 20. März könnt ihr ein Abendkonzert mit der Premiere einer Komposition für Orchester von Alberto Arroyo unter der Leitung von Ekkehard Klemm hören.

Mehr Infos über Alberto Arroyo findet ihr auf seiner Website.

Text: Marion N. Fiedler

Foto: PR

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