Schreib uns per WhatsApp: 0172 77 18 33 4

Zucker: Nervennahrung für die Prüfungszeit?

Zucker ist umstritten, da sich sein Ruf vom köstlichen Lebensmittel hin zum gefährlichen Krankmacher gewandelt hat. Ist er wirklich so gefährlich? CAZ hat bei einem Experten nachgefragt.

 

 

 

 

CAZ: Lieber Detlef Brendel, woher stammt ihr Interesse am Zucker?

Detlef Brendel (DB): Seit rund dreißig Jahren beschäftige ich mich mit den Themen Gesundheit und Ernährung. Seit einigen Jahren ärgere ich mich zunehmend über die Art der Ernährungs-Berichterstattung, die darauf abzielt, einzelne Nahrungsmittel, Nahrungsmittel-Bestandteile und die Lebensmittelwirtschaft mit abenteuerlichen Behauptungen und Theorien anzugreifen. Der Zucker, immer wieder als angeblicher Killer oder Suchtmittel verunglimpft, ist dafür ein herausragendes Beispiel. Das versetzt Verbraucher in unbegründete Angst. Darüber hinaus ist diese Art der Diskussion kontraproduktiv. Wenn wir uns mit dem Problem des Übergewichts beschäftigen wollen, müssen wir über den heutigen bewegungsarmen Lebensstil sprechen, statt einen wichtigen Baustein der Ernährung verantwortlich machen zu wollen. Da erscheint es schon sinnvoller, auf eine Spielkonsole zu schreiben: Kann Übergewicht erzeugen.

CAZ: In welcher Form hilft uns Zucker im Leben und gerade auch beim Studieren?

DB: Glukose, also Traubenzucker, ist ein wesentlicher Ursprung des Lebens. Die Pflanzen haben mit der Photosynthese die Fähigkeit, Kohlendioxid zu organischen Kohlenhydraten umzuwandeln, also zu dem, was wir gemeinhin Zucker nennen. Sie gewinnen speicherbare Energie aus Sonnenlicht. Wir können dagegen das Sonnenlicht nicht als Energiequelle nutzen, wir müssen uns diese Energie in Form von Nahrung zuführen. Jeder Sportler weiß, dass Zucker die schnellste und intensivste Form der Energiezufuhr ist. Und den meisten Menschen dürfte auch bekannt sein, dass ihr Gehirn ein ganz wesentlicher Verbraucher von Zucker ist.

Der Körper verlangt nach dem lebenswichtigen Treibstoff Glukose. Das hat nichts mit Sucht zu tun. Der Mensch hat auch ein natürliches Verlangen nach Licht und Sonne. Dabei geht es um die Bildung von Vitamin D und die Stabilisierung unseres Serotonin-Spiegels durch das helle Tageslicht. Durch den Neurotransmitter Serotonin wird unser Lebensgefühl positiv beeinflusst. Auch Zucker ermöglicht die Bildung von Serotonin. Wer Zucker als Droge bezeichnet, müsste auch die Sonne als süchtig machende Droge bezeichnen.

CAZ: In welchem Umfang darf man Zucker zu sich nehmen?

DB: Eine Zuckerzufuhr von 50 bis 60 Gramm täglich ist kein Problem. Erwachsene konsumieren durchschnittlich im Jahr 18 bis 20 Kilogramm Haushaltszucker, also Saccharose. In dieser Menge ist sowohl der im Haushalt als auch der als Zutat in verarbeiteten Lebensmitteln verwendete Zucker enthalten. Nach der Nationalen Verzehrsstudie II und den Daten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ergibt sich eine tägliche Aufnahme von 54,6 Gramm Haushaltszucker bei Männern und eine Aufnahme von 48,8 Gramm bei Frauen. Die durchschnittliche Zuckeraufnahme ist damit nicht zu hoch.

CAZ: Kann Zucker Studenten helfen, die Prüfungszeit gesund und erfolgreich zu überstehen?

DB: Er ist nicht die Lösung, aber eine gute Hilfe. Garanten für eine erfolgreiche Prüfung sind Fachwissen und gute Nerven. Dabei ist die im Zucker enthaltene Glukose von großer Bedeutung. Etwa 100 Gramm Glukose werden täglich für die Versorgung des Nervensystems und speziell des Gehirns gebraucht.

CAZ: In Ihrem Buch „Die Zuckerlüge“ schreiben Sie vom schlechten Ruf des Zuckers, der nicht mit dem Erkenntnisstand der aktuellen Forschung einhergeht. Wie erklären Sie sich die Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und allgemeiner Meinung?

DB: Weil fast alle Menschen seinen Geschmack schätzen und er als wichtiger und beliebter Bestandteil der Ernährung in vielen Nahrungsmitteln vorkommt. Die Zielgruppe für die Angriffe ist damit perfekt: wir alle. Dann lässt sich so schön schlicht argumentieren, dass die Kalorien des Zuckers dick machen. Warum es gerade diese Kalorien sein sollen und nicht die aus anderen Lebensmitteln, erschließt sich der Logik nicht. Und sehr eingängig ist auch die Formel, dass Zucker die Krankheit Zucker hervorruft. Das trifft so wenig zu wie Wandern eine Wanderniere erzeugt. Wissenschaftlich fundierte Belege für die Angriffe auf den Zucker gibt es nicht. Aber mit dem Zucker lässt sich die Ernährungswirtschaft so gut attackieren. Diese Angriffe sind unverantwortlich.

CAZ: Was empfehlen Sie in Hinsicht auf gesunde Ernährung?

DB: Die Ernährung sollte ausgewogen sein, also ein sinnvoller Mix aus Kohlenhydraten, Eiweiß und Fett. Der Genuss sollte nicht zu kurz kommen, weil er zum Wohlfühlen beiträgt. Wir sollten es uns nicht bieten lassen, dass die Ernährungs-Fundamentalisten eine genussfreie Welt predigen und durch Regulierungen durchzusetzen versuchen. Und dann, auch das gehört zu einer erfolgreichen Prüfungszeit, sollten Sport und Bewegung an frischer Luft zu einer guten Balance zwischen Kalorienaufnahme und Kalorienverbrauch beitragen. Der eigene Körper kann einem mehr über sinnvolle Ernährung mitteilen als mancher Ernährungspapst.

Das Buch "Die Zucker-Lüge" von Detlef Brendel ist im Januar 2016 im Ludwig-Verlag erschienen. Ihr könnt es unter der ISBN-Nummer 978-3453280755 bestellen.

 

Interview und Foto: Marion Fiedler

Zurück

Um die Nutzung unserer Website zu erleichtern, verwenden wir „Cookies“ und die Analyse-Software „Matomo“ (ehemals Piwik). Unsere Website verwendet auch „Cookies von Drittanbietern“, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können. Mehr dazu ...