Schreib uns per WhatsApp: 0172 77 18 33 4

Vermessen: Was Zahlenwerte mit Rassismus zu tun haben

Worum geht’s? Worum geht’s? Kunst, Ausstellung, Rassismus, Völkerkunde

Richtige Maße, „richtiger“ Mensch? In der Kunst­halle im Lipsius-Bau könnt ihr die Ausstellung „Die Vermessung des Unmenschen“ sehen. Im Mittelpunkt steht das Thema Rassismus. 

Nach den Ausstellungen „Die Dinge des Lebens / Das Leben der Dinge“, „Die Logik des Regens“ und „Supermarket of the Dead“ zeigen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die vierte Präsentation des Philosophen Wolfgang Scheppe. Wie ihre Vorgängerinnen begann auch die Ausstellung „Die Vermessung des Unmenschen. Zur Ästhetik des Rassismus“ mit einem Fund im Museumsdepot, diesmal im Depot des Museums für Völkerkunde Dresden. Sie rückt das Thema „Rassismus“ in den Fokus der Auseinandersetzung. Anhand von bislang nicht gezeigtem Material behandelt sie das Verhältnis wissenschaftlicher Deutungsversuche von Rasse und volkstümlicher rassistischer Vorstellungen.

Im Zentrum des komplexen Projekts steht das bisher nicht erforschte, obsessive Bildarchiv des Dresdner Ethnologen, Anthropologen und zeitweiligen kommissarischen Museumsdirektors Bernhard Struck (1888–1971), der zur Zeit des Nationalsozialismus einen rassentheoretischen Lehrstuhl in Jena innehatte. Das Archiv, das aus mehr als 20.000 Bildeinträgen besteht, gibt dem Besucher Einblick in die Vorstellungen eines Menschen, der seine wissenschaftlichen Erkenntnisse vor allem durch die Vermessungen des menschlichen Körpers erhielt. Struck selbst war zwar kein expliziter Parteigänger des Nationalsozialismus, jedoch befand er sich mit dem, was er für reine Wissenschaft hielt, im Einklang mit der in dieser Zeit geltenden Rassenlehre. Sein in Karteikarten festgehaltenes Menschenbild zeigt seine exzessive Erhebung und statistische Verarbeitung von Zahlenwerten. Diese Karten prägen den Eindruck im Hauptraum der Ausstellung. Sie sind auf neun Tischen nebeneinander ausgebreitet und man braucht allein schon für ihre Betrachtung eine ganze Weile. Die Konstruktion völkischer Identität, die Struck bei der Kartierung vollzog, zeigt seine Denkweise, alles Fremde auszuschließen.

Vier weitere Werke der bildenden Kunst machen deutlich, wie Bilder geschickt zur Manipulation genutzt wurden, um die Unterschiede von Eigenem und Fremden zu zeigen. Es sind die Skulptur eines frauenraubenden Gorillas (Foto) des in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr erfolgreichen französischen Bildhauers und mit den wissenschaftlichen Rassentheoretikern seiner Zeit verbundenen Emmanuel Frémiet (1824–1910). Das „Affenmonument“ wird von dem in Deutschland bislang nicht gezeigten Hauptwerk „Manipulation der Kultur“ des italienischen Künstlers Fabio Mauri (1926–2009) umgeben, dessen Bilderzyklus die Schönheit der Macht zu Zeiten der faschistischen Herrschaft ausdrückt.

Derselben historischen Phase, der Mauris Dokumente entstammen, gehört der deutsche Filmpionier Arnold Fanck (1889–1974) an. Ein Video-Triptychon fügt drei Sequenzen aus seiner Bildordnung zur Endlosschleife. An ihnen wird der circulus vitiosus der deutschen Geschichte vorgeführt, die mit der rassistischen Wahrnehmung des anderen in endloser Wiederholung im Kreis zu treten scheint.

Die Installation „Judenporzellan“ des holländischen Konzeptkünstlers Gert Jan Kocken (geb. 1971) befasst sich mit einem Fall staatlichen Rassismus im Königreich Preußen, das zu einer Legende führte, die das Schicksal mehrerer Meissner Porzellan-Affen im Familienbesitz des Aufklärungsphilosophen Moses Mendelssohn (1729–1786) einschließt.

Die Ausstellung präsentiert außerdem zum ersten Mal eine annähernd vollständige und einmalige Sammlung von Holzskulpturen, die zu den frühesten und seltensten aus dem tropischen Afrika gehören. Heute in den verschiedensten Museen Europas verstreut, bilden die sogenannten Seelenfiguren der Bidyogo den Ertrag der einzigen Feldforschung, die Struck je unternahm.

Zeitgleich zu der Präsentation im Lipsiusbau werden im Sponsel-Raum des Neuen Grünen Gewölbes die Künstlerbücher von Fabio Mauri aus dem Bestand des Kupferstich-Kabinetts zu sehen sein.

Die Ausstellung könnt ihr dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr besuchen. Am Montag ist geschlossen. Der Eintritt ist frei.

Zur Vorbereitung auf die Ausstellung „Die Vermessung des Unmenschen“ könnt ihr die Seite der Staatlichen Kunstsammlungen besuchen. 

Text: PR

Foto: Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Adrian Sauer

Zurück

Um die Nutzung unserer Website zu erleichtern, verwenden wir „Cookies“ und die Analyse-Software „Matomo“ (ehemals Piwik). Unsere Website verwendet auch „Cookies von Drittanbietern“, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können. Mehr dazu ...