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Genialer Sound: Rachel Plattens Album „Wildfire“

Wer gute Pop- und Songwriter-Musik mag, sollte unbedingt in die Lieder der Newcomerin Rachel Platten reinhören. Auf ihrem internationalen Debutalbum „Wildfire“ (Columbia Records) wartet sie mit zwölf eingängigen Songs zwischen tanzbarem Gute-Laune-Sound und tiefgehender Songwriter-Poesie auf.

Die Künstlerin und ihr Produzententeam präsentieren auf „Wildfire“ auch innerhalb des Popgenres in einigen Anlehnungen eine stilistische Vielfalt, die die nahe am Mainstream produzierte Platte auch künstlerisch interessant macht. Rachel Plattens einzigartige Stimme setzt diesem Projekt noch einmal das I-Tüpfelchen auf: Die Art und Weise, in der sie ihre eigenen Lieder interpretiert, ist emotional und berührend. CAZ Musik-Redakteurin Marion Fiedler hat reingehört.

Gleich der erste Song auf „Wildfire“ jubelt dir regelrecht entgegen. Für "Stand by you" hat sich die 34-jährige amerikanische Popsängerin und Songwriterin unter anderen die Songwriter-Legende Jack Antonoff sowie die talentiert schreibende Joy Williams (von The Civil Wars) in den Writing Circle geholt, um einprägsame Melodien und einen tiefgehenden Liedtext zu erschaffen. „Wenngleich wir vielleicht nicht unser Paradies finden werden, gehe ich dann halt durch die Hölle mit dir, ich bleibe bei dir!“ schmettert Rachel Platten im Refrain. Eine Zeile, auf die ich mich jedes Mal, wenn ich das Lied höre, wieder neu freue. Der emotional produzierte Song ist gleichermaßen eine charmante Begrüßung. Die zarten ersten Zeilen, die Rachel mit einer einprägsamen Stimme durch einen kurz aufflimmernden Elektronebel haucht, sind purer Zucker. Man möchte einfach mehr davon – das Lied wieder und wieder hören.

„Stand by you“ deklariert dem Hörer auch gleich das musikalische Terrain des gesamten Albums: Auf „Wildfire“ wartet auf euch tanzbarer Pop mit sowohl akustischen als auch elektronischen Elementen sowie vielen eingängigen Melodien. „Wildfire“ versteckt seine größte Stärke und einzige Schwäche nicht: Gleich beim ersten Song wird klar, dass sich diese CD an Mainstream-Radioformat orientiert. Dafür ist sie aber auch auf sehr hohem Niveau produziert und schafft es, den Zuhörer unbeschwert zu unterhalten. Das Album besticht durch erstklassige Musiker und abwechslungsreiche Sounds und Grooves. Besonders gefallen mir die intelligenten Arrangements, die die Effekte der starken Hooks in den Melodien noch unterstreichen und verstärken.

Wie eben auch die charmante Begrüßung mit dem ersten Track „Stand by you“ andeutet – die Songs auf dieser Platte sind sehr gut geschrieben. Nach zweimaligen Hören fühlt man sich in den Liedern, wenn man sich ihnen öffnet, zu Hause. Rachels Musik ist darauf angelegt, dass man mitsingt.

Der zweite Track „Hey hey Hallelujah“ mischt Farben zwischen R&B und Funk in die Poplandschaft hinein, vielleicht hört man an manchen Stellen auch ein paar HipHop-Elemente. Der Song ist im Studio gut eingesungen und vermittelt dem Zuhörer gleich mit dem zweiten Track das Gefühl, dass Rachel Platten sich vom Sound her nicht festlegen möchte. Eine angenehme Hörerfahrung, vor allem da sie ihre Stimme von einer ganz anderen Seite zeigt. Für den Song hat sich die New Yorkerin übrigens den Sänger Andy Grammer ins Boot geholt, dessen vokaler Beitrag gut in den Sound von Rachel Platten passt.

Mit Speechless präsentiert die Songwriterin sehr persönliche Gedanken, die sie in intensive und für das Thema des Verliebtseins außergewöhnliche Metaphern kleidet. Sie spricht von gezähmten Dämonen, davon dass sie nicht lange sprechen möchte, wie ihre Körpersprache alles, was man nicht sagen muss, herausschreit und eine Zeile besingt „Just kill me silently“. Rachel Plattens Stimme wurde auf diesem Track besonders natürlich eingesungen und produziert.

Die freche Elektropopnummer Beating me up erinnert vom Sound her an Produktionen von Katy Perry, zum Beispiel an ihren Song „Roahr“. „Beating me up“ zeigt mit seinem genialen Wortspiel im Hook „I wish my heart would stop beating me up“ eine eigenständige Stärke. Die Melodie bleibt sehr gut im Ohr, und damit macht der tanzbare Song einfach Spaß. Die Buschtrommellandschaft und der stark produzierte Refrain lassen eure Beine schnell im Beat mitzucken.

Der fünfte Track hat mit Fight Song am ehesten das Potential zum Lieblingssong. Von niedlich bis stark zeigt sich Rachel Platten einerseits als kindliche Stimme, aber auch als singende fragile junge Frau. Sie blüht im Refrain und Liedtext mit geballter, jugendlich-frecher Energie auf. Das Arrangement und die verspielte Melodie bringen eine kontrastrierende Emotionalität mit sich, die sich in der Stimme zeigt: Zwischen einsamem Flüstern bis zum Power-Refrain bringt „Fight Song“ eine ansteckende Gute-Laune-Atmosphäre mit sich. In diesem Song wirkt Rachel Platten erstaunlich jugendlich.

Die Stimme des jungen Mädchens bringt Rachel für den akustisch gehaltenen sechsten Track „Better Place“ Better Place erneut zum Vorschein. Durch das intelligente Arrangement auf dem Album, mit Klavier und Streichern verfeinert, wird die simple und schöne Songstruktur sehr gut betont. In diesem Lied klingt Rachels Stimme übrigens am entspanntesten. Diese im Vergleich zu den anderen Songs unverkrampfte und befreite Stimmfarbe hebt den Track vom Rest des Albums auf sehr positive Weise hervor.

Rachel Platten präsentiert sich auf dem Album zwar mehrfach als fragile junge Dame, inszeniert mit „Lone Ranger“ Lone Ranger (Track 7) aber auch eine Persönlichkeit, die zwar Bindung meidet, jedoch förmlich nach kurzen, intensiven Abenteuern schreit: „Fill me up with fireworks and tell me I´m skinny, I could soak up the fire.“ Sie möchte von Stadt zu Stadt tingeln und sich nicht festlegen – sie vermeidet Nähe: „Don´t try to get close, cause I´m a lone ranger“. Diese Einstellung bringt im Song aber im gleichen Moment auch eine zwanghafte Sehnsucht nach Einsamkeit. Das Lied ist von der Form her ein Dance-Pop-Song mit starkem, hymnenartigem Refrain, der mit seiner Simplizität gerade an der Grenze zum Mainstream aufwartet. Die Four-On-The-Floor-Beats im Song gehen gut in die Beine. Auch wenn der Liedtext von Unsicherheit und Ängsten spricht, lenkt die Produktion diese Zurückhaltung mit einem eher aufmunternden Sound wieder in eine andere Richtung. Der poetisch ausformulierte Liedtext spricht mal von Mut und Freiheitsdrang, von Metaphern wie Löwe und Tiger, dann aber wieder von einem im Käfig eingesperrten Vogel mit schlappen Papierflügeln. Diesen kontrastrierenden Liedtext möchte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Mich hat die Ehrlichkeit der Songwriterin beeindruckt. Sie platziert ihre Worte gut, schafft durch Kontraste und ausdrucksstarke Metaphern und Adjektive eine spannende Atmosphäre. Man spürt förmlich den Funken in den kontrastierenden Elementen. In diesem Song präsentiert sich Rachel Platten von einer ganz anderen Seite.

Der achte elektronisch gehaltene Track „You don’t know my heart“ You don't know my heart erinnert mich von der Produktion her an Ellie Gouldings Musik. Die Dynamik ist durch sich steigernde Elektrobeats ergreifend ausschweifend. Das Songwriting von „You don’t know my heart“ präsentiert alltagsnahe Worte, die den auf den Text achtenden Hörer emotional berühren. Die Musik bleibt durch eingängige Passagen gut im Ohr. Für mich ist der Song ein höflich-poetisch beschriebener und gleichermaßen direkt angesprochener Zweifel, den man kurz vor einem Break-Up äußert.

„Angels in Chelsea“ hat einen sehr eingängigen Refrain, der so oft wiederholt wird, dass sich dieses Lied wahrscheinlich am ehesten zu einer nervigen Art des Ohrwurms wandeln kann. Der Liedtext des Songs erzählt eine lebhafte und mit sehr leicht zu visualisierenden Details beschriebene Geschichte. Nämlich eine Situation, die jedem von uns täglich passieren kann, wenn wir unsere Augen öffnen und den Optimismus in unser Herz hineinlassen. Ein befreiendes Momentum im Alltag.

Die beiden Songs Astronauts und Congratulations erinnern mich vom Songwriting und Sound an die aktuelle Platte von Taylor Swift. Rachel Platten verwendet ähnliche Geschichtsfetzen wie Taylor Swift in ihrem Song „Places“ präsentiert.

Der elfte Wildfire-Track ist sehr emotional eingesungen. Hier klingt der sehr enge und kehlige Sound von Rachels Stimme allerdings besonders gedrückt. Dies erschafft zwar eine glaubwürdige Traurigkeit, allerdings nutzt Rachel diesen Stimmklang auf dem Album fast zu oft, als dass man ihn dann auf dem elften Track noch genießen kann. Wo ich bei „Congratulations“ aufgehorcht habe: Das gescattete und sanft eingesungene Intro und Outro des Songs erinnert an beliebte Motive von Dance-Hits aus den 80er Jahren. Ein überraschender Blickpunkt im Arrangement.

Der letzte Track des Albums, Superman, ist eine Liebesbekundung der besonderen Art. Rachel formuliert in ihrem Liedtext, dass ihr Liebster nicht Superman sein muss. Den Hook hat sie nicht eindeutig ausgesprochen. Man kann sowohl „You don´t have to be so perfect“, aber eben auch „You don´t have to be Superman“, hier in einer ungewöhnlichen Betonung, heraushören. Dieser Liedtextstreich wird von den die Stimme noch aufweichenden Produktionstools wie intensivem Reverb verstärkt.

Was mir nach mehrmaligem Hören wieder und wieder aufgefallen ist: Als letzten Track hätte ich mir persönlich eine fröhliche Nummer gewünscht, denn dieser Stil ist definitiv Rachel Plattens Schokoladenseite. In den Gute-Laune-Songs wirkt ihre Stimme, die schnell mal glottig-perkussiv klingt, entweder entspannter oder eben kraftvoller. Die traurigen Songs, wie eben auch „Superman“, leiern sich schnell mal aus, da die Sängerin in diesen Nummern ihre leidend eingesungene Stimmfarbe überstrapaziert.

Alles in allem ist „Wildfire“ ein Album, welches ich mir ganz vorn in mein CD-Regal stellen werde, um es immer mal wieder zu hören. Ich finde es genial produziert und entdecke beim erneuten Reinschnuppern stets neue Passagen und Details, die den jeweiligen Song an sich dann wieder ganz anders präsentieren.

Für mich persönlich steht zwar die Musik im Vordergrund einer Platte, für dieses Album möchte ich aber gern den Fotografen und Layouter des Artworks loben. Er hat Rachel auf der Platte genial präsentiert. Die Fotos sind allesamt unterschiedlich abgestufte Collagen mit einerseits hell sprühenden Funken von einem Lagerfeuer. Sie werden auf zartes, gelbes Sommergras und aufspleißende trockene Palmenblättern gelegt. Dieser förmlich „Feuer fangende“ Widerspruch an sich ist schon künstlerisch spannend. Die dann sonst in rötlich-orange und gelb strahlenden Bildmotive wirken im Zusammenspiel miteinander sehr intensiv. Vom Styling her ist Rachel übrigens passend zur Musik zurechtgemacht. Im Artwork schwingt auch die Sehnsucht nach einer ungezähmten Natur mit. Rachel wirkt in den Wiesenlandschaften aber auch individuell chic. Bei Rachel bin ich übrigens durch das Artwork auf ihre Musik aufmerksam geworden.

Wer mehr über Rachel Platten wissen will, klickt auf ihre Homepage.

Text: Marion N. Fiedler

Foto: Gabriel Jeffrey

 

 

 

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