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Rag’n’bone man: Ein Ausflug in dunkelhelle Gedanken

Das Plattencover von Human
Das Plattencover von Human

Worum geht’s? Musik, rag’n’bone man, Singer/Songwriter, Herzschmerz

CAZ-Musikredakteurin Marion Fiedler stellt euch eine besondere Entdeckung vor: das Album „Human“ des Künstlers „rag'n'bone man“, das vor Kurzem bei Columbia Records erschienen ist.

Juhu, die Post kam heute wieder früh rein. Ich reiße den dicken Briefumschlag auf – und in meinen Händen liegt das Album „Human“ von „rag'n'bone man“. Ich habe lange gezögert, es zu bestellen. Aber dann hat‘s mich doch gepackt und ich habe mir das Album für mein CD-Regal geholt. Obwohl es Streamingmöglichkeiten und den Verkauf digitaler Downloads gibt, kaufe ich mir die Alben der Künstler, die ich richtig, richtig cool finde, für meine Lieblingsplattensammlung.

Klar hab ich vorher schon reingehört. JEDER hat ihn schon gehört, „Skin“ oder „Human“ im Radio abgefangen, der eingängigen Melodie erlaubt, ins Unterbewusstsein zu schlüpfen.

Bei mir hat es eine Weile gedauert, bis ich‘s kapiert hatte. Als „Human“ das erste Mal in meinem Radio ertönte, lauschte ich auf. Ich erinnere mich an diesen Moment genau. Ich habe mir überlegt, von wem dieser dunkle, raue, aber gleichermaßen irgendwie versöhnliche Sound kommt.

Beim zweiten und dritten und vierten und fünften Mal war ich sicherlich busy, denn ich erinnere mich, dass ich erst auf Anraten eines Freundes mal online gegangen war. Da passierte aber das Schöne, was die Songs von „rag'n'bone man“ für mich auch ausmachen: In seiner dunklen Musik entfaltete sich gleich beim ersten Hören ein spannender Gegensatz, der auch etwas Helles und Freundliches mit sich bringt. Sowohl dieser Sound als auch die Lieder habe ich wiedererkannt und zuordnen können – und nahm mir einen Moment Zeit, dem offensichtlichen Buzz um den englischen Sänger und Songwriter auf den Grund zu gehen.

Zwischen Pop, Blues und Soul

Aus einem Youtube-Video wurden zwei, bis es mich mit meinem frisch aufgebrühten Tee auf die Couch zog. Den Sound wollte ich über die Anlage hören, habe die Augen zugemacht und bin in eine mir neue Welt eingetaucht.

Die Musik ist belebt, aber größtenteils dunkel. Mal warm, mal provozierend, mal frech, mal abweisend. Vom Genre her schwanke ich immer wieder zwischen Pop und jazzigen Musikstilen wie Blues oder Soul, wenn ich es für mich selbst versuche einzuordnen, was da aus der Anlage tönt.

Besonders in der Stimme hört man die schönen kleinen Verzierungen und den in der Höhe glatten, eingängigen, kraftvollen Sound einer traditionell eher amerikanisch geprägten Musik. In der Tiefe allerdings überwiegen die rauen, fast rockigen Stimmfarben. Höre ich da Gospel? Blues? Soul? Ich kann mich nicht entscheiden. Aber gerade das ist ja das Spannende daran, wenn man neue Musik entdeckt.

Während ich so meinen Tee schlürfe, überlege ich mir, wieso mich diese kraftvolle und durchaus bewegte Musik so beruhigt. Eine spannende Frage, die ich mir immer wieder stelle, wenn ich „rag’n’bone man“ singen höre. Ob die Songs ruhig sind? Irgendwie sind sie es, die Arrangements wirken aber tatsächlich eher belebt. Ein Track nach dem anderen zieht an mir vorbei, ich trinke die Sounds, wie ich meinen Tee schlürfe.

Geerdet wirkt das Album auf mich, was dem Song aber auch der Platte die besondere Note und Anziehungskraft verleiht. Die Stimme wirkt warm und einladend, erzählt aber von schwerem Herzschmerz. Von dunklen Themen, die sich in tiefen Erzählpassagen, aber auch schnittigen Höhenflügen verkörpern und in mein eigenes Herz schleichen – mich verbindet etwas mit dieser Musik, ohne dass ich sofort weiß, was es ist.

Ab und zu wippt mein Fuß mit. Ruhig, aber intensiv und manchmal ausgelassen kraftvoll, die Stücke sind unterschiedlich, der rote Faden führt mich aber von einem Song zum nächsten, ohne dass mein Kopfkino abbricht.

Ich sehe die Musik vor meinen Augen, höre die Geschichten an. Denke mich in tiefgründige Themen über das Angenommensein hinein, was uns alle etwas angeht und was der britische Songwriter in sehr gute Worte gekleidet hat. Zwischen den Zeilen spüre ich die Liebe zu Menschen, die Enttäuschung, die man in der Gesellschaft manchmal erlebt, die vielen Fragen, die unser Jahrzehnt begleiten – all diese Gedanken dürfen in den Liedern von „rag’n’bone man“ durchschimmern wie mein Zucker in der Teetasse. Bis sie sich im Refrain auflösen und eine neue Form annehmen.

Zart und kraftvoll zugleich

Ich versuche, den interessanten Definitionsversuchen von „rag’n’bone man“ zu folgen, die beschreiben, was einen Menschen und Menschlichkeit ausmachen, und erkenne, dass ich ihm mit den Fragen und Aussagen zustimme. Er singt unser aller Geschichte, in tiefgründigen Worten. Und kontrastierend auch in eingängigen, simpel wirkenden Songs.

Die zweite Kanne Tee, die ich mir aufbrühe, wird jetzt Jasmintee sein. Bitter, lieblich, tief im Geschmack zugleich. So wie die Musik, die auch zwischen verschiedenen Gegensätzen pendelt. Zum einen zwischen der Vergangenheit und dem, was noch kommen wird. Keiner kennt die Zukunft, aber es betrifft uns alle. Wie gehen wir weiter? Wie sieht die Welt in zehn Jahren aus?

Das Album wirft in mir Fragen auf. Es hat sich für mich gelohnt, den Songs von „rag'n'bone man“ genauer zuzuhören.

Ich schalte noch einmal auf meinen neuen Lieblingstrack des Albums, „Bitter End“. Dunkel und hell, zart und kraftvoll, und die schönste aufstrebende Brücke im Refrain – das Arrangement hebt den Song noch einmal ganz neu an. Wieso ist dieser Track keine Single geworden?

Das Album ist verklungen, meine Neugierde immer noch nicht gestillt. Ist der junge Mann ein Newcomer? Ein Blick ins Internet erklärt mir nach kurzer Recherche, dass er gut sein halbes Leben, seit dem 15. Lebensjahr, bereits der Musik und dem öffentlichen Spielen verschrieben hat. Auf den Radioerfolg, den er mit 30 Jahren genießen durfte, hat er also mehr als zehn Jahre hingearbeitet. Respekt!

Hab heute meinen Kumpel angerufen und ihm gedankt, dass er mich auf diesen Künstler aufmerksam gemacht hat. Und freue mich, dass ich dem Sänger mein volles Gehör geschenkt habe. Dafür wurde ich auf eine interessante Reise mitgenommen, die erst begonnen hat.

Neugierig geworden? Hier geht’s zur Website von Rag’n’bone man.

Text: Marion N. Fiedler
Foto: PR

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