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Wieder aufgetaucht ­– „Titanic Rising“ von Weyes Blood

Titanic Rising das neue Album von Weyes Blood
Kein Photoshop: Für das Albumcover von „Titanic Rising“ wurde extra ein Zimmer geflutet.

Worum geht’s? TU Dresden, Campusradio, Musik, Weyes Blood, Titanic

Schon mal beim Campusradio reingehört? Die haben richtig gute Musiktipps. Wie wäre es z.B. mit „Titanic Rising“ von der amerikanischen Indie-Folksängerin Weyes Blood?

 

Die Titanic, deren Untergang als größtes Unglück der jüngeren Seefahrt verzeichnet wird, wurde durch einen Hollywoodfilm etwas mehr als 80 Jahre nach ihrem Verschwinden unter der Wasseroberfläche zum Sinnbild einer unsterblichen Liebe oder zumindest aber zum ultimativen Liebesdrama umgeschrieben. Die Hauptcharaktere Rose und Jack entledigen sich über die Geschichte in drei Stunden Spielzeit erst der repressiven Vorschriften der Eltern, dann ihrer Klamotten und letztlich, wenn auch unfreiwillig, des ganzen Schiffs, das samt Orchester gen Meeresgrund fährt. Leider stirbt Jack bei dem Versuch, den Heimweg schwimmend zu bewältigen, und legt den Grundstein für eine tragische, unerfüllte Liebe. Hier endet der Film.

Ein alternatives Szenario suggeriert der Titel des neuen Albums der US-Amerikanerin Natalie Mering alias Weyes Blood, „Titanic Rising“. Man stelle sich vor, die Titanic wäre tatsächlich wieder aufgetaucht, alle wären gerettet – was wäre die Geschichte noch wert? Rose und Jack hätten sich, bereits in Amerika angekommen, über eine Kleinigkeit zerstritten und wären in getrennten Kabinen zurückgefahren. Ende der Romantik!

Wahre Liebe, jeden Tag

Auch Natalie Mering hat auf der Suche nach Romantik schon resigniert, glaubt man der ersten Single „Andromeda“: „Andromeda’s a big, wide open galaxy/Nothing in it for me except a heart that’s lazy”.

Der ironische Zynismus des Songs wird jedoch etwas durch seine klangliche Begleitung ausgeglichen, die sich im Stil der Weyes Bloodschen Vorgängeralben weich und vollflächig ans Hörerohr anschmiegt. Schon eher mit ihrem traditionellen Sound im Clinch liegt die zweite, harrynilssonesque dahin rumpelnde Single „Everyday“ – locker einer ihrer tanzbarsten Songs. Hier kommt sie gar mit Zweifeln am Konzept der Monogamie in Kontakt, da sie „love“ bitteschön „everyday“ braucht. Wahre Liebe gibt‘s nur für die Hälfte der Welt, singt sie, was in unseren von Single-Packung bis Single-Wohnung dominierten Zeiten recht realistisch sein dürfte.

Eintauchen in Unterwasserwelten

Im epischen Zentrum des Albums, der Ballade „Movies“, wird die frohe Botschaft Romantik schließlich auf den Punkt gebracht. Denn Natalie Mering, die auch ihre Musikvideos allesamt selbst dreht, sieht in den Filmen mehr als nur kurzzeitige Unterhaltung. Eher als Eskapismus dienen sie den Menschen: Filme lassen uns für einen kurzen Augenblick an eine idealisierte Welt glauben, in der am Ende die Guten gewinnen und die Liebe siegt. Wer würde da nicht gerne in einem Film leben? Als die Protagonisten des Musikvideos merken, dass sie buchstäblich in den Film eintauchen können (Foto), hält es niemanden auf den Sitzen, und zum donnernden Finale des Songs schmachtet Mering über das Getöse „I wanna be in my own movie!“ und lässt vor atemberaubender Kulisse tanzend die Herzen reihenweise schmelzen. (Auch das ist eine idealisierte Filmwelt, bitte nicht vergessen.)

Das Motiv der im Wasser versinkenden Frau aus dem „Movies“-Video setzt sich auch im Albumcover zu „Titanic Rising“ fort. Denn mitnichten wurde hier ein guter Photoshop-Effekt eingesetzt, sondern tatsächlich ein gesamter Raum eingerichtet und anschließend in einem Swimming-Pool versenkt. Drei Stunden später hatte das Wasser die Kulisse zersetzt, doch die entstandenen Fotos zeigen eine umheimliche und zugleich stille Unterwasserwelt, fernab der lauten Realität. Spätestens hier muss dem aufmerksamen Publikum klarwerden, dass dieses Album als Gesamtkonzept so stimmig wie genial ist.

Üppiges Musik-Büffet

Doch auch ohne visuelle Unterstützung weiß „Titanic Rising“ den Hörer auf seine Seite zu ziehen. Acht Balladen mit Merings perfekter Stimme (und zwei Instrumentals) wirken wie ein Büffet voller kunstvoll angerichteter Häppchen, von denen man bekanntlich endlos essen kann, ohne dass einem schlecht wird. Und so spendet einem das Album ein angenehm betäubendes Völlegefühl, selbst wenn man gerade mal ohne Romantik auf dem Planeten Erde um die Sonne rast.

Während das Vorgängeralbum „Front Row Seat to Earth“ sich noch als analytischer Zuschauer einer Gesellschaft präsentierte, die langsam aber sicher den Bach runtergeht, steht man in Titanic Rising“ nun ganz vorne auf dem Bug und blickt auf den Eisberg, der unweigerlich immer näher kommt. Wird man das Steuer herumreißen und die Katastrophe verhindern können? Auf „Titanic Rising“ ist der Ausgang der Geschichte plötzlich wieder ganz offen.

Text: Campus Radio Dresden
Foto: PR

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